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Mai 1995 Die Zeiten ändern sich MERHABA

Die Zeiten ändern sich

Beitrag für die Zeitschrift "Merhaba", Mai 1995

Das Epische Bild der Almancis, der in Deutschland lebenden Menschen aus der Türkei, bestand in der Türkei lange Zeit aus einer Ansammlung von Klischees und Vorurteilen. Die Almancis galten als die "Melkkühe der Nation", die es im Ausland zu Reichtum gebracht hatten, an dem sie ihre armen Brüder und Schwestern in der Türkei Anteil nehmen lassen sollten.

Deutschland galt als ein Schlaraffenland, und die Almancis wurden häufig mit einer seltsamen Mischung aus Neid und Verachtung angesehen: Neid, weil sie es anscheinend besser hatten und ihren Kindern eine materiell gesicherte Zukunft bieten konnten, und Verachtung, weil sie ihrer Heimat den Rücken gekehrt hatten.

Die Almancis wiederum empfanden häufig einen inneren Konflikt. Viele von ihnen wollten sich über Jahrzehnte hinweg nicht mit dem Gedanken anfreunden, daß sie nach Deutschland ausgewandert waren. Sie drängten ihre Kinder sogar, ausschließlich solche Berufe zu erlernen, die in der Türkei von besonderem Nutzen waren und kultivierten so die immer unglaubwürdigere Lebenslüge, nach der sie nur für ein paar Jahre ins Ausland gegangen waren. Entsprechend verhielten sie sich auch. Sie lebten in Deutschland unglaublich sparsam, investierten nur wenig in ihre Wohnungen und transferierten einen Großteil ihrer Ersparnisse in die Türkei, um dort ein Haus zu bauen und ihre Verwandten zu unterstützen. Auf der anderen Seite rechtfertigten sie ihr Emigrantendasein bei ihren Besuchen in der Türkei häufig damit, daß sie teure Konsumgüter vorzeigten, die in der Türkei nahezu unbekannt waren.

Manche von ihnen verschuldeten sich sogar bis über beide Ohren, um mit einem möglichst protzigen Mercedes vorfahren zu können und gleichzeitig ihre regelmäßigen Geldtransfers aufrecht erhalten zu können. Andere wiederum entwickelten eine Distanz zu den Menschen in der Türkei, weil sie regelmäßig ein schlechtes Gewissen bekamen, wenn sie mit ihrem relativen Wohlstand ihre verhältnismäßig armen Verwandten trafen.

Die hier skizzierten Denk- und Verhaltensweisen können natürlich nur allgemeine Stimmungslagen wiedergeben, die einige Jahrzehnte lang zu beobachten waren. Es gab aber schon immer eine Vielzahl von Ausnahmen, und selbstverständlich bedeutete die allgemeine Stimmung auch nicht, daß deshalb die Menschen in der Türkei und die Almancis weniger starke Empfindungen füreinander entwickelt hätten. Allerdings wurden diese Gefühle immer wieder durch das generelle Klima überlagert.

Seit den 80er Jahren haben sich die geschilderten Zustände dramatisch verändert, und der Umgang zwischen Almancis und den Menschen in der Türkei hat sich weitgehend entkrampft. Verantwortlich dafür sind Entwicklungen in beiden Ländern. Ein Großteil der Almancis ist sich darüber im klaren, daß sie in Deutschland eingewandert sind. Erleichtert wurde dies dadurch, daß Deutschland in den vergangenen 25 Jahren sehr viel weltoffener, liberaler und moderner geworden ist - trotz aller noch vorhandenen Diskriminierungen und trotz aller bedenklichen Erscheinungen am Rand der Gesellschaft. Schätzungsweise ein Fünftel der aus der Türkei stammenden Menschen sind perfekt in die bundesdeutsche Gesellschaft integriert. Ein großer Teil von ihnen ist zumindest weitgehend integriert und mit seinem Leben in Deutschland insgesamt zufrieden, und nur eine Minderheit sieht ihren Lebensmittelpunkt in der Türkei.

Besonders starke Bindungen an Deutschland hat die dort geborene zweite Generation von Einwanderern ohne daß deshalb zwangsläufig die Bindungen an das Herkunftsland der Eltern und die dortige Kultur verlorengehen. Diese Entwicklungen brachte bei den Almancis eine Vielzahl von Verhaltensänderungen mit sich. Es wird weniger in den türkischen Heimatdörfern gebaut, eher schon in den großen Städten, und viele Almancis ziehen heute Wohnungen an der Küste vor. Die Tendenz, sich durch möglichst imposante Wohlstandsgüter zu beweisen, ist stark zurückgegangen. Seitdem der Landweg über das ehemalige Jugoslawien versperrt ist, hat bei einigen auch die Häufigkeit der Türkeibesuche etwas nachgelassen - obwohl insgesamt die Zahl der mit dem Flugzeug Reisenden erheblich zugenommen hat.

Insbesondere - aber nicht nur- in den Städten der Türkei haben sich die Vorstellungen über die Almancis verändert. Das hängt auch damit zusammen, daß sie inzwischen als normale, zur Türkei gehörende Erscheinungen begriffen werden. Der "Kultur- und Wohlstandsschock", den sie seinerzeit ausgelöst hatten, ist weitgehend überwunden, zumal die einst so exotischen westlichen Wohlstandsgüter nun auch in der Türkei überall erhältlich sind - wenn auch für Normalverdiener kaum erschwinglich. Die Türkei wird zunehmend zu einem Teil der offenen Weltgesellschaft mit einem freien Austausch nicht nur von Waren, sondern auch von Kultur, Gedanken und Informationen.

Deutschland gilt nicht mehr als das makellose Paradies. Über Dokumentarfilme und Presseorgane ist in der Türkei mittlerweile bekannt, daß es Minderheiten in Deutschland oft nicht leicht haben. In Deutschland wiederum sind türkischsprachige Fernsehkanäle und Druckerzeugnisse inzwischen überall zuganglich und werden auch intensiv genutzt. Die dadurch mit ermöglichte Entkrampfung in der gegenseitigen Wahrnehmung hat dazu geführt, daß es für Almancis und Menschen in der Türkei heute oftmals sehr viel leichter ist, sich auf einer gleichberechtigten Ebene zu verständigen. Dies bedeutet nicht, daß die früheren Probleme in allen Situationen völlig überwunden wären oder daß nun alles zum Besten bestellt wäre. Aber wenn sich die in der Türkei lebenden Menschen heute nach dem Befinden der Almancis erkundigen, sie nach ihren Problemen beispielsweise mit Fremdenfeindlichkeit und ihren Gefühlen nach den mörderischen rechtsradikalen Anschlägen von Mölln und Solingen fragen, so geschieht dies meist mit echter menschlicher Anteilnahme.

Die hier beschriebene Modernität hat sich noch nicht überall durchgesetzt: In einem Teil der Öffentlichkeit in der Türkei sind neue Klischees an die Stelle von alten getreten. Deutschland wird in schnellem Wechsel mal als Freund, mal als Feind betrachtet - je nach den momentanen Beziehungen zwischen den Regierungen beider Staaten. Eine Überidentifikation mit der türkischen Regierung ist gelegentlich auch in der türkischen Öffentlichkeit in Deutschland zu beobachten, und zwar insbesondere bei denjenigen Menschen, die sich sozial benachteiligt und ausgegrenzt fühlen. Viele in der Türkei und auch in Deutschland verstehen jedoch, daß ein glaubwürdiges Eintreten für die weltweite Verwirklichung der Menschenrechte nicht gegen die Türkei gerichtet ist, sondern im Gegenteil im Interesse der dort lebenden Menschen ein Schlüssel für die Demokratisierung, für mehr Wohlstand und für die Integration der Türkei in Europa.

Als in Deutschland geborener Sohn türkischer Einwanderer gelte ich bei vielen als waschechter Almanci. Viele der oben angesprochenen Entwicklungen der letzten Jahr zehnte habe ich Erzählungen und Berichten aus dem Freundes- und Verwandtenkreis entnommen. Einiges habe ich auch selber erfahren und beobachtet, wobei mein jetziger Status als deutscher Bundestagsabgeordneter sicher nicht dazu geeignet ist, nur "typische" Erfahrungen zu machen. Dennoch bin ich überzeugt, daß ich vor einigen Jahren noch ganz anders aufgenommen worden wäre. Auch heute werde ich von einigen in erster Linie als jemand angesehen, der es "in der Fremde" zu etwas gebracht hat.

Viele von denen, die in mir "ein Objekt der Bewunderung" sehen, erwarten im Gegenzug, daß ich ausschließlich die Interessen der türkischen Regierung in Deutschland vertrete und sind furchtbar wütend und enttäuscht, wenn ich diese Erwartungen nicht er füllen will. Andererseits ist das Bewußtsein dafür sehr gewachsen, daß dies als Angehöriger der zweiten Einwanderergeneration nicht meine Aufgabe sein kann. Vielmehr muß es meiner Generation, die Bindungen an beide Kulturen hat, darum gehen, Brücken der Verständigung zu bauen, um eine offene und demokratische multikulturelle Gesellschaft in Deutschland zu fördern.

Eine solche multikulturelle Demokratisierung betrachten wir als eine weltweite Aufgabe. Die Offenheit und Ernsthaftigkeit, mit der ich während meiner Türkeireisen als Abgeordneter über so heikle Fragen wie Demokratisierung und Menschenrechte sprechen konnte, zeigt, daß dies auch dort zunehmend verstanden wird.