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junge WeltFeuilleton

30.10.1998

»Auf die Ethnie beziehen sich die Ausgebremsten«
Ein Gespräch mit dem Literaturagitator Feridun Zaimoglu

- Feridun Zaimoglu wurde 1964 in Bolu, Anatolien, geboren und lebt nun seit fast 30 Jahren in Deutschland. Er studierte Kunst und Humanmedizin, ist Mitbegründer der türkischen Literaturzeitschrift ARGOS. Seine Prosa ist ein Angriff auf die »Fettsteißigkeit im Denken der Türken und Deutschen«, die Identitätsfrage hingegen möchte Zaimoglu am liebsten unter den Gebetsteppich kehren. Er ist der einzige politische Autor seiner Generation und hat mit »Kanak Sprak. 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft« (Hamburg 1995) und »Abschaum. Die wahre Geschichte von Ertan Ongun« den Sprachkosmos der Almanci literaturfähig gemacht. Gerade erschienen ist »Koppstoff. Kanaka Sprak vom Rande der Gesellschaft«, Rotbuch Verlag, Hamburg 1998, 135 Seiten, DM 19,80 -

F: Dich persönlich erwischen, verlangt Ausdauer. Sonst sieht man dich bloß noch im Fernsehen.

Ich hätte nicht gedacht, daß du in die Kiste glotzt.

F: Unentwegt. Das ist mein Hobby. Also, wie fühlt man sich bei Biolek auf dem elektronischen Stuhl?

So ziemlich elektroaktuell, arriviert ja nicht. Was dabei rumkommt, wenn ein Linienrückmann seine Riten und Makel ins Studio trägt, ist eher kurios. Im Kern geht es aber um die große Schnauze für die Sache. Da saß ich also im Anzug, wie ich ihn jeder Lesung anhabe, einen Mikroknopf am Revers, war wohl auch ein interessanter Brocken. Wie ich erfuhr, hat sich viel Volk zugeschaltet, und ich hab' versucht, das gepfefferte Wort mit großer Kelle auszugeben. Die Sendung hat mich multipliziert, später kamen Leute auf mich zu, von wegen: Was bitte, Herr ..., wie war nochmal der werte Name, was ist zu verstehen unter, wie hieß das nochmal, Kanak Attack? Für die chronisch Beleidigten in der Ghettogastronomie ist das natürlich nichts. Für die bin ich eine Bürgernulpe schon vor dem Bio-Auftritt gewesen, die sahen durch den Act meine miese Menschensubstanz wieder mal bestätigt. Aber ich will nun mal nicht den voll radikalen Tresenhalodri in der Siffpinte geben.

F: Verweilen wir beim Abendprogramm. Wie kommst du damit zurecht, das ein Biermann in »Drei nach Neun« Dir »pfäffisches Gerede« nachsagt?

Der fragte mich tatsächlich, was an mir echt sei. Ich bin aber nicht sicher, ob ich glauben soll, daß er mich für ein Gespenst hält, ein Polyesterwesen, das auf Budenmurks aus ist. Eher schon für seinen Angelus Novus. Indem er mich sah, sah er aus trüben Augen in eine Zukunft, in der er noch weniger keine Rolle spielen wird als gegenwärtig. In der Runde saßen ja auch Heide Simonis und Norbert Blüm und haben so getan, als würde ich angebrütete Küken schlürfen. Daß so eine Simonis vor laufender Kamera den Hysteriekoller kriegt, geht für mich immerhin auf. Hinterher, am kalten Buffet, war sie wieder lammfromm und wißbegierig. Viel fehlte nicht und sie hätte um ein Kanak- Attack-Aufnahmeformular gebeten.

F: Ich muß zugeben, daß ich in meinem naiven Kopf vor der Sendung geglaubt habe, daß solche Leute auf dich abfahren. Ich verstand ihren vehementen Unmut nicht.

Bleiben wir noch kurz bei Biermann. Der fühlt sich auf seine alten Tage richtig dufte ferkelig, wenn er Stasi- Leutnants Arschkrücken nennen kann. Das kann er gefahrlos machen. Er gehört zu einer Horde von abseitig daherlallenden Stubenmuckern, denen das Herz erloschen ist. Herz, Mann. Mit so einem Pathos kannst du den uralten Revoltekarrieristen nicht kommen, aber andererseits: Die Worte dieses Ex-Flegels haben einen hohen Lappigkeitsgrad. Und ich sage: Je glatter das Maul, desto fauler das Aas.

F: Auf die Gefahr hin, begriffstutzig zu wirken, ich bleib dabei: Für mich gehört, was du machst, zur Literatur, zur artistischen Gegenwartsbewältigung. Wenn dich jemand für den Anführer einer Subkultur hält, läuft das nach meinem Verständnis auf ein typisch bürgerliches Mißverständnis hinaus, etwa so, als hätte man seinerzeit die Fassbinder-Freunde für eine Partei gehalten, oder Peter Zadek für einen Politiker.

Klar, im Kanak-Tiegel schmilzt die starre Repräsentationspolitik. Schau mich an: Seh ich aus wie der Obereumel?! Ich bin weder Kopf noch Dackelschwanz noch Hühneraugenpflaster noch Trau-dich-Motor irgendeines Jungspund-Movements. Das fehlte ja noch, daß sich auf mich ein Haufen Rich Kids beruft, die es anödet vor Clubtüren zu versauern, wo sie doch so gern mit ihrem Plattensammlungsknowledge angeben möchten, und die ab und zu mal auf einer Türkenparty auf groß und bewegt machen. Was ich sage: Da draußen sind Bastarde in Verhältnissen ohne formschlüssige Befestigung, die brauchen keinen Hula-Hula-Apachen wie mich. In Babel hat ja auch keiner nach einem diplomierten Architekten gebrüllt, wohl aber nach einer weiteren starken Hand. Wir tanzen alle den Jungle-Boogie, ich schwirr durch die Kulturräume, die Bastarde sehen das gern, und so kommt man zusammen in der Liga der unbedingt Angestoßenen. Für die gilt: keine Rauschunterdrückung, kein Bürgerramsch, und das Ghetto nicht mehr als Aromatresor.

F: Das klingt nach Vergnügen und Einfallsreichtum. Mir kommt es aber so vor, als expandiere vor allem das Aggressionselement.

Na, das hört sich an, als bestünde die von mir hell gemachte Kulturoffensive nur aus Schulterbreite mal zwei Drüsen Geschlechtssaft. Das wäre Wohnsilomuckerei und würde auf die Dauer invalide machen. Der Rauhbauz trifft immer den härteren Gringo, der ihn stutzt. Der leise Verfall ist ein Freßfeind des Mackermumms. Trotzdem, das ungenierte Wort, der Fluch als des Unterschichtlers Luxusnummer, ohne daß er für den Zungenkuß Moneta lockermachen muß, die Absage an bürgerverfaßte Vokabeln - das alles bleibt eine trümmernde Lust. Damit machen sich die Kanaksta frisch. Ich warte nicht mit der Illusion auf, daß es reicht, Leib und Leben in ein paar mehr Kostüme zu pressen, als es die Herkunft und der Status quo nahelegen. Das ist nur Kultur im Plural, Popschwindel. Die Kanakster und Kanaksta haben, wie eine türkische Wendung geht, das Leichentuch zerrissen, und die kalten Mumien lernen jetzt leben, mit knackenden Gliedern und schlackerndem Bewegungsapparat. Ich selbst bin jetzt so weit, nach all den kulturpolitischen Schlachten mit den Platzhirschen der Spaßspartenindustrie, die vielen kleinen Brüche in unseren Biografien zu präsentieren. Im Detail steckt das Augenmaß.

F: Weil du von Kanakstas redest: Wie reagieren Frauen auf dein Frauenbuch »Koppstoff«?

Meine Absicht, Lebensentwürfe mit literarischem Schmelz zu versehen, wird verstanden und begrüßt. Frauen würdigen »Koppstoff« als manifestöses Kunstprodukt, nicht als ödes Abbild der Wirklichkeiten, sondern als Auffang von Stimmungen und atmosphärischen Trübungen, ein unsichtbarer Stoff eigentlich, mit dem sie Tag für Tag zu tun haben. Das Buch verzichtet auf Monofrequenz, auf den einheitlichen Ton, wie er in »Kanak Sprak« vorherrschte. Die Protokolle sind bewußt heterogen eingerichtet, manches ist roh belassen, anderes ästhetisch hochgefahren. Eine Frau hat nach der stillen Lektüre eines Protokolls ausgerufen: »Mein Gott, sie spricht mir aus der Seele«.

»Koppstoff« ist ja keine gängige Aufbereitung von Weibsbildposen wie man sie aus Verlagsfrauenreihen kennt, von wegen die Dame von nebenan wird nach Schicksalsschlag zur Machiavella. »Koppstoff« ist ein Angriff auf viele Mürbemacher: das System, Männerpopanztum, Katalogfraulichkeit, die Köpfe alten Stils und alter Mode, die Trautheiten der Experten. Zwischen Foxtrott und Extase bleibt wenig Raum in der Provinzkiste, als die sich Almanya bisher den Kanakas enthüllt hat. Sie haben es satt, nach einem Skript zu leben. Das ist es, sie haben die Furniergemütlichkeit satt, und das kommt in »Koppstoff« zur Sprache. Im übrigen habe ich keine Pflichtkür abgerissen, Männer im ersten, Frauen im dritten Buch, ich bin nicht der Obergockel, der Körner auf allen Feldern pickt.

F: Es gibt Deutsche mit überkommenen Biografien, die bei Kanak Attack mitmachen, sich Kanakster nennen ...

Warum nicht? Auf die Ethnie beziehen sich die Ausgebremsten. Die deutschstämmigen Kanakster sagen richtig, wenn die Großstadtartikel vor meiner Haustür gestreut sind, wär ich doch ein meschuggener Strizzi, suchte ich den Kitschmatsch des Ursprungs. Sie sagen, ich bin ein mischiger Aleman, ich plündere alle Depots, ich bin ein Patron und nicht ein Hipsterficker mit Abocard und Fraktionszwang. Diese Sorte Kanakster sind aufgeflottete Bastarde, man sollte mal darüber nachdenken, was das heißt, sie sind funky mit Charakter. Außerdem ist ihnen klar, nur mit Kultur kann man heute die große Welle machen, nur mit Kultur geht Einfluß und Parteinahme, und davon das Heißeste kommt nun mal von uns.

F: Was heißt »kommt von uns«? Die Kulturhoheit der artikulierten Minderheiten liegt bestimmt nicht bei Kanak Attack.

Stimmt so. Mobiler Grips ist selten. Ich verletze das Unauffälligkeitsdogma der Integrierten, deren individuelle Schmelzsicherung darin besteht, sich den hiesigen Ethno- und Alltagsplunder anzueignen, und ansonsten eine Wohlgesittung beim Vater und eine Selbstverortung von der Türkenparty abzuholen. Der Identitätsdiskurs fand bis dato ja im kleinen Kreis statt, und keinem fiel auf, daß da Kleingeister Psychodramen abspulen und Temperament- Spezialitäten verhandeln. Die treffen sich immer noch zu Migrantentagungen und schreiben auf die schwarze Tafel: »Fremd in der Heimat!« Was für Krämer. Machen sich satt mit Kunstgewerbe: Kabarett, alternatives Theater, Schnarchlesungen mit echten Türken, Uni-Campus-AStA- Kulturabende, Türk-Pop vom Tarkan. Dann gibt's noch die Revoluzzer vor Ort, die Staatsumstürzler in der Diaspora, für die bin ich der Kackkulturbengel, die sprechen von mir über die bösen Listen des Feuilletons, daß ich den Redakteuren volle Kante in die Falle gegangen sei. Indes bin ich für die türkischen Akademikerverbände »einer von uns, der es hier geschafft hat«.

F: Wird das Deutungsmonopol für Kanak Attack nicht auf die unrentabelste Weise anderen überlassen? Während die Schwestern und Brüder als Statisten im eigenen Stück das Bildmaterial besorgen.

Es gibt taffe Agenten im Mainstream, die uns sexy finden, ohne auf Erklärungen besonders scharf zu sein. Wahr ist aber, daß der Interpretationshammer vor allem von fertigen Funktionären geschwungen wird. Für die bieten wir eine singuläre Exotikfolie: mal als halbgare Wilde mit Mission, mal als bloßer Haufen, dessen auffälligstes Zeichen es ist, anders angezogen zu sein als ihre käppibemützten Pappis und ihre beschürzten Muttis. Für etliche ist das, was wir machen, Polit-Travestie eitler Gecken ohne Sinn und Verstand. Klar ist auch, daß relevante politische Inhaltem - Reform des Staatsbürgerschaftsrechts, verschärfter Einsatz für die Minderheiten am Arbeitsmarkt, der Kampf um die kulturelle Hegemonie - für niemanden was Neues ist. Bei uns begrüßen die Brüder und Schwestern immerhin einen neuen Aufbruch und unterstützen uns, weil wir mit mutmachenden Mitteln unterwegs sind, weil wir sie mit Ton, Bild und Schrift nicht langweilen, weil wir in ihren Zungen reden. Politik schöpft ihre wirkliche Kraft aus menschennahen und menschenfrohen Quellen.

F: Hip-Hop-Politik ...

Ich weiß, dir paßt das nicht. Aber bevor man sich über sendungsgeschwängerte Plattenleger und rumänische Spike Lees ausschüttet, sollte man sich daran erinnern, wie die Politik hierzulande auf den Hund kam. Da waren zum einen die spontanen Kämpen, deren erklärtes Ziel es war, Struktur zu brechen. Während sie sich vom Pamphlet zum Manifest hochhangelten, saß die Sympathisantengemeinde in Komitees fest. Der subversive Generalstab machte sich erst mal ein Bild vom Klassenfeind. Der Charme der Bourgeoisie bestand ja nicht allein im Besitz der Mittel, sondern darin, daß deren Funktionsmächtige viel mit Penunze anzufangen wußten. Was von unten kam, meinetwegen geduckter Mittelstand, wollte nicht immer nur bei Blockaden die Wasserfontäne abkriegen oder mit 'ner Widerstandsknarre im Unterschlupf hocken. Ich hab' aber Achtung vor den Ausharrern. Es ist nichts einzuwenden gegen ausgeklönte Gegenmodelle und Rückzüge hinter die vertrauten Schanzen.

Ich red' hier nicht als Lackfuzzi des Systems, ich red' hier von der Notwendigkeit, gleich am Anfang einer Offensive die feinen Menschenmanieren hochzuhalten.

F: Mir kommt es so vor, als ließest du dich von anderen auf die Politico-Rolle festnageln.

Auf was für eine Rolle? Ich bitte alle Interessierten mal meine Pressemappe durchzugehen. Sie werden sehen, daß es von Zuschreibungen bloß so wimmelt. Viele versuchen sich von mir und meinen Fort-Schreibungen ein Bild zu machen, es trifft sie unvorbereitet, und sie haben so ihre eigenen Vorstellungen, wer ich denn nun sei, und was meine Schrift bewirkt. Ich bin nun mal keine starre Kreatur mit einer ewig gleichen Sprechblase überm Haupt. Die einen sehen in mir einen Retter in Not, die anderen einen flotten Straßengelehrten. Wieder andere hassen mich wegen meines losen Mauls. Ich war immer eine krause Figur. Einer, bei dem man nicht wußte, woran man war. Der Veranstalter einer Podiumsdiskussion sagte mir nach dem Ereignis: »Man kriegt dich nicht zu fassen!« Entweder bin ich ein koketter Widerling, der sich unter keine Schablone legen will, oder aber einfach der Kastendeubel. Das zu entscheiden liegt im Ermessen des Betrachters.

F: Warum bestehst du nicht stärker darauf, Schriftsteller zu sein?

Auch hier frage ich zurück: Nur Schriftsteller? In diesem Land ist es so eine Sache mit der Seriosität. Man darf von Amts wegen nur eine einzige Disziplin ernsthaft betreiben. Hat man es mit zwei Talenten einigermaßen zum »Künstler« gebracht, gilt man als »doppelbegabt«. Das ist das höchste der Gefühle. Ich bin immer sprachlos, wenn man mich fragt, was denn nun meine eigentliche Profession sei: die Malerei oder das Schreiben oder die Politattacke oder die Musik oder der Film? Verdammt, für wie provinziell haltet ihr mich? Es ist mir doch egal, wie der Verstand des Kleinbürgers arbeitet und pfuscht. Die Funktionshuber müssen endlich begreifen, daß man als Kulturschaffender heute keine Strikttrennungen mehr vornimmt wie zu Kaisers Zeiten. Am Ende zählt nur die Qualität: der Bilder, der Bücher, der Töne, des belichteten Materials.

F: Was macht die Filmarbeit?

Mein zweites Buch, »Abschaum«, wird von Lars Becker verfilmt. Ich hab mich mit ihm zusammengetan und das Drehbuch geschrieben. Der Film kommt nächsten Herbst in die Kinos. Zwei weitere Drehbücher, die ich mit Gunther Senkel schrieb, sind auf dem Markt. Die Idee der Co- Produktion, der Zusammenarbeit bleibt wichtig. Gunther und ich leben Tür an Tür, insofern ist eine gemeinsame Schmiede naheliegend. Wir tüfteln weiter, das letzte Wort ist da bestimmt noch nicht geschrieben. Wer sich als autonomer Autor versteht, den beglückwünsche ich zu seiner Würfen. Ich bin eher ein Halb- bis Dreiviertelverfertiger, der die Gesellschaft anderer Heißsporne sucht, um ein ordentliches Werk hinzuknallen.

Das Gespräch führte Jamal Tuschick