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Geschichten aussem Milljöh!

Wenn einer eine Reise macht, ...!

Als Mehmet Gökan das Sozialamt verläßt, begibt er sich schnurstracks in das Türkencafé, das ihm und seinen Landsleuten zur zweiten Heimat geworden ist. Hier sind sie unter sich. Es verläuft sich kaum ein Deutscher in dieses Stammlokal; und wenn einer kommt, dann hat er türkische Freunde und kennt sich mit den Gepflogenheiten der türkischen Kultur aus.

Ja, Mehmet geht auch manchmal in Hebberts Stammkneipe "Bei Schorsch". Dort haben sie sich vor ungefähr zwei Jahren getroffen. Nach einigen belanglosen Gesprächen lernten sie sich näher kennen und bald wurde daraus eine liebgewordene Gewohnheit, daß sie sich jeden zweiten Freitag dort zu ihrer Stammtischrunde trafen. Zu dieser Runde zählen auch Günter Pichlmayer, ein arbeitsloser, gestrandeter Alkoholiker mit dem Hang zum Philosophischen. Dann ist Sergej Fedorow dabei, ein Russlanddeutscher, der erst vor gut einem Jahr aus Kasachstan übergesiedelt ist. Neben Hebbert Kowalski gibt es noch Fred Knippersbusch, der als selbständiger Schrotthändler manchmal seinen Frust ablädt und sehr unzufrieden ist. Diese zusammengewürfelte Gruppe aus den verschiedensten Kulturkreisen hat sich im Millieu zusammengefunden und diskutiert in ihren Stammtischrunden über Gott und die Welt, über alles und nichts.

Es geht manches Mal heiß her, wenn sie ihre Kirchturmpolitik betreiben, wie es in ihrem Land und in der Welt geregelt werden sollte, damit die Menschen gut miteinander auskommen. Ja, man sollte doch den einfachen Menschen öfter mal aufs Maul oder besser gesagt in das Herz schauen. Davon könnte mancher Politiker, der das normale Leben aus seiner hohen Warte nicht mehr kennt, doch etwas lernen.

Nun betritt Mehmet "sein Kahve" und wird von einigen Männern begrüßt: "Merhaba Mehmet, nasilsin? (Guten Tag Mehmet, wie geht es Dir?)"

"Danke der Nachfrage, es geht gut," antwortet Mehmet und setzt sich zu ihnen. Die Männer, die gemütlich ihren Mokka schlürfen, unterhalten sich über Allah und die kleine Welt, in der sie leben. Mehmet bestellt sich auch einen Kaffee. Da er noch heiß ist, wartet er mit dem Trinken. Einige der Männer drehen bei der Unterhaltung ihre Tespih, ihre Gebetskette, zwischen den Fingern. Normalerweise werden dabei die Koranverse gemurmelt; aber es dient auch dazu, eine gewisse Ablenkung zu haben.

"Was macht Ercan, Dein Sohn?" fragt ihn Ahmed, der einer der drei Besitzer des Türkencafés ist. "Ja, Ercan macht sich gut in der Schule. Ich bin so froh darüber. Er hat auch keine Schwierigkeiten mit Almanca, mit deutsche Sprache, so wie ich." Dabei grinst Mehmet ihn an. Denn sie wissen alle hier, daß sie zwar gerne in Deutschland leben, aber sie möchten auch ihre Kultur beibehalten. Nur die jungen Türkinnen und Türken, die hier geboren wurden, fühlen sich halb deutsch und halb türkisch. Es kommt oft zu schwierigen Auseinandersetzungen in den Familien, besonders mit den Mädchen. Viele von ihnen können nicht verstehen, daß sie nach dem alten Glaubens- und Sittenkodex leben sollen, besonders was ihre Bekanntschaft zu deutschen Jungen anbelangt.

Nicht nur die Väter und Mütter haben ein waches Auge auf die Töchter geworfen, sondern auch die Brüder wachen oft eifersüchtig darüber, daß ihre Schwestern keinen Kontakt mit deutschen Jungen pflegen. Sie wollen unter sich sein! Denn es ist für einen türkischen Jungen auch nicht leicht, eine deutsche Freundin zu bekommen. Obwohl dieses jedoch öfter zu sehen ist, als umgekehrt.

Auch Mehmet erzieht seine Töchter nach diesen Grundsätzen. Noch sind sie klein. Aber Ayse, die älteste von ihnen, sieht mit ihren zwölf Jahren auch schon den Jungen nach. Aber das tut sie heimlich, damit keiner etwas merkt. Nur Ercan, der große Bruder, hat sie dabei einmal erwischt. Er gehört jedoch nicht zu denjenigen, die ihre Schwestern gleich bedrohen oder auch manchmal schlagen. Nein, Ercan hat ganz ruhig mit seiner Schwester gesprochen und versucht, es ihr klar zu machen, daß es besser sei, noch nicht mit Jungen anzufangen. "Das schickt sich nicht," hat er ihr gesagt. Und Ayse hat ihn mit großen Augen angesehen und geantwortet: "Und Ihr Jungens dürft wohl alles, was?" Doch Ercan hat besonnen auf sie eingeredet. Da hat Ayse dann nachgegeben. Doch wie lange das vorhält, weiß er nicht.

Nun zurück zu den Männern in ihrer Gesprächsrunde. Es ist nur zu verständlich, daß sie ihre Probleme aus ihrer Sicht betrachten. Gerade zeigt einer von ihnen einen Artikel des Hürriyet, einer türkischen Tageszeitung, hoch. Darin läßt sich der Redakteur über neue Ausschreitungen der rechten deutschen Szene aus. Schon wieder haben Punker einen Asylantragsteller aus Sri Lanka angegriffen und schwer verletzt. Das stößt bei den Anwesenden auf große Ablehnung und die verschiedenen Meinungen, von gemäßigt bis radikal, prallen hart aufeinander.

"Diese Deutschen meinen, sie könnten machen, was sie wollen!" "Man müßte diese Nazis in türkische Gefängnisse sperren, da würden sie 'was erleben und hätten nicht mehr so große Fresse wie jetzt."

"Aber wir kommen doch so nicht weiter in der Verständigung der Völker untereinander." "Ja, aber Du siehst doch Mehmet, die deutsche Punker wollen doch gar nicht Verständigung. Sie benehmen sich wie Schweine in eigenen Garten." Ergün, ein junger Türke, Mitte zwanzig, ereifert sich und wird dabei immer lauter. Die anderen versuchen, ihn zu beschwichtigen, aber das macht ihn nur noch wütender.

"Hör' mal Ergün. Die Deutschen werden sagen, was schreist Du Türke. Es ist unser Land und wir machen damit, was wir wollen." "Aber ich bin hier auch aufgewachsen," schimpft Ergün und starrt Ahmet, den Wirt, wütend an. "Sie können nicht machen, was sie wollen! Auch wenn es ihr Land ist. Für mich ist es hier auch ein Stück Heimat. Obwohl mein Herz für Türkei schlägt." So diskutieren sie noch eine ganze Weile und die Stimmungen schwanken hoch und fallen wieder. Zum Schluß bleiben Mehmet und Ahmet, der Wirt, zurück.

"Ach ja, Mehmet, es ist nicht einfach. Nirgendwo ist es einfach. Nicht hier, in diesem Land, und auch nicht zu Hause, in der Türkei. Es prallen eben verschiedene Weltanschauungen und Kulturen aufeinander. Weißt Du, Mehmet, ich habe das Gefühl; es wäre besser gewesen, daß wir in unserem Land geblieben wären.----Ich meine, alle Türken. Dann wär' vielleicht alles besser geworden."

"Aber Ahmet, Du weißt doch auch, die Deutschen haben uns gebraucht, damals.... als so viel Arbeit hier noch war. Und Du weißt, daß wir unsere Familien nachgeholt haben. So ist es gekommen."

"Ja, aber andere Länder, wie z.B. die Schweiz, haben das nicht gemacht. Da mußten die Gastarbeiter wieder nach einigen Jahren in die Heimat zurückkehren, nicht wahr? Vielleicht wäre das für alle Teile besser gewesen." Ahmet zieht resignierend die Schultern in die Höhe und macht dabei ein Gesicht, als wolle er sagen: "Nur Allah weiß, was gut für uns ist!"

Mehmet trinkt seinen Kaffee aus und verabschiedet sich. Kurz darauf biegt er um die Ecke in die Kurt-Schumacher-Allee. Langsam schlendert er in Gedanken nach Hause. Ein paar Kinder spielen Fußball mit einer halbverrosteten Dose Cola, und Mehmet kickt ihnen die Dose zurück, als sie nach einem Schuß eines kleinen, blonden Jungen direkt vor seine Füße rollt.

"Danke," rufen die Jungs und Mehmet muß lächeln. "Ja, es könnte alles so schön sein, wenn die Menschen nur ein wenig menschlicher wären."

Etwas gemächlich schlendert er weiter, bis er in die Straße einbiegt, in der er und seine Familie wohnen. Ein paar Nachbarn grüßen freundlich herüber und Mehmet erwidert den Gruß ebenso freundlich. Dann erreicht er sein Haus. Nachdem er die Haustür aufgeschlossen hat, verschwindet Mehmet im Haus und öffnet die Wohnungstür. Seine Frau Saliha hat das Schlüsselgeräusch gehört und kommt ihm entgegen. Beide begrüßen sich und Saliha geht in die Küche, um den gerade gebrühten, frischen Tee für ihren Mann zu holen. Diesen serviert sie in einer kleinen Tasse und bringt ihn ins Wohnzimmer, wo es sich Mehmet auf der Couch bequem gemacht hat. Der Fernseher läuft und bringt gerade türkische Nachrichten. Die jüngste Tochter Emine sitzt davor und lauscht der Sprecherin, um die türkische Sprache ein wenig aufzubessern. Denn sie spricht draußen mit ihren Schul- und Spielkameraden fast ausschließlich deutsch. Und zu Hause wird im Türkischen nur der Allerweltskram geredet. Da ist es doch schon interessant, manche Vokabeln, die sie noch nicht kennt, durch das Fernsehen aufzuschnappen.

Mehmet schlürft seinen Tee. Saliha berichtet ihm gerade, was den ganzen Tag gelaufen ist. Doch er hört nur mit halbem Ohr zu, da er mit dem anderen Ohr die Nachrichten im Fernsehen mitbekommen möchte. Als Saliha ihren Faden abgespult hat, geht sie in die Küche mit der Bemerkung: "Dein Bruder hat aus Brandenburg geschrieben. Wir sollen ihn besuchen."

Nun ist Mehmet ganz da. "Was, Ali hat geschrieben? Was schreibt er denn?"

Seine Frau, die inzwischen mit dem Brief ins Wohnzimmer zurückgekehrt ist, gibt ihn zu Mehmet herüber. "Da, lies selbst," antwortet sie und setzt sich auf die kleine Couch. Dann nimmt sie sich ebenfalls eine Tasse Tee und sieht Mehmet, den Tee dabei langsam schlürfend, da er noch sehr heiß ist, zu, wie er den Brief seines Bruders liest.

Dieser runzelt beim Lesen ein paarmal seine Stirn und schiebt die Augenbrauen in die Höhe. Dann blickt er seine Frau an und sagt: "Ali hat uns eingeladen. Nächste Woche sind Ferien, dann könnten wir kommen."

"Schön, das freut mich,"antwortet Saliha, denn sie versteht sich gut mit ihrer Schwägerin Hülya. Außerdem freut sie sich auf ihre beiden Nichten, die etwas älter als ihr Sohn sind.

Doch dann macht sie ein abweisendes Gesicht. Mehmet, der sich das nicht erklären kann, schaut sie fragend an. "Was hast Du, stimmt was nicht?" will er wissen.

"Eigentlich schon, aber Du weißt, was in Brandenburg los ist. Ich habe Angst vor den Neonazis dort." "Ach, Du brauchst keine Angst zu haben. Dort wo Ali wohnt, ist noch nie etwas passiert. Sonst hätte mein Bruder davon geschrieben." Mehmet zerstreut ihre Bedenken und Saliha gibt sich damit zufrieden. Die Kinder freuen sich, als sie hören, daß es in wenigen Tagen zu Onkel Ali geht. Und so ist die Familie schon in Reisestimmung. Mehmet wird sich von seinem Schwager den Mini-Van ausleihen, damit sie auch ordentlich viele Sachen mitnehmen können. Denn sie werden sicherlich eine Woche dort bleiben.

So geschieht es auch und der Morgen, an dem sie fahren wollen, nähert sich mit Windeseile.

"Gähn. Uuuaaahh!" Mehmet reckt sich und streckt sich. Der Wecker hat gerade geklingelt. Er schaut auf die Uhr und springt hoch. "Mensch, Saliha, es ist schon halb acht, wir haben verschlafen!" Saliha, die schon ein paar Minuten wach liegt, beruhigt ihren Mann. "Bleib ruhig, Mehmet," beschwichtigt sie ihn und lacht dabei, denn Mehmet sieht komisch aus, wie er sich beeilt, aus seinem Schlafanzug heraus zu kommen. "Wir fahren heute zu Deinem Bruder. Die Sachen sind bereits gepackt. Du mußt nur gegen neun den Bus von meinem Bruder holen."

Mehmet erinnert sich und muß jetzt auch schmunzeln. Dann verschwindet er ins Bad. Man hört das Wasser rauschen und Mehmet ist fröhlich pfeifend guter Dinge.

Nachdem Mehmet den Bus von seinem Schwager abgeholt hat, frühstücken sie in gelockerter Atmosphäre. Das Radio dudelt ein paar türkische Schlager, die Radio Köln3 gerade für die türkischen Mitbürger bringen.

"Nun Kinder, wir wollen uns ein bißchen beeilen, sonst sind die Autobahnen nachher so voll," treibt Mehmet die Familie ein wenig an.

"Aber Mehmet, wir haben jetzt Urlaub," widerspricht Saliha und lächelt ihn dabei verschmitzt an. Mehmet, der gut drauf ist, lächelt zurück und schiebt sich sein Brötchen in den Mund.

"Hauptsache, Du hast alle Sachen gepackt," murmelt er zwischen zwei Bissen. "Mama packt schon seit Wochen und hat schon Alpträume," meldet sich Ercan zu Wort und grinst über beide Ohren. Die beiden Mädchen kichern und verziehen sich rasch in ihr Zimmer, um die letzten Sachen zu packen, bevor der Bus beladen wird.

Gut zwei Stunden später sitzen alle im Bus und Mehmet fährt vorsichtig zur Hauptstraße. Einige Nachbarn, die am Fenster sind oder sich auf der Straße befinden, rufen ein paar freundliche Wünsche herüber und winken zum Abschied.

Im Bus herrscht Urlaubsstimmung und die Familie freut sich auf den Tapetenwechsel. Mehmet hat seinen Bruder seit Jahren nicht mehr gesehen und ist gespannt wie er aussieht.

Ercan sitzt stolz und sich erwachsen fühlend neben seinem Vater, während Mama Saliha bei den Mädchen sitzt, die ihren Schnabel nicht still halten können, so aufgeregt sind sie, daß es endlich losgeht.

"Mach mal ein bißchen Musik an," spricht Saliha ihren Mann an. Dieser konzentriert sich gerade auf die Zufahrt zur Schnellstraße, die zur Autobahn führt. "Am Besten wir schalten Radio Antenne an, die haben die besten Verkehrsmeldungen," schlägt Ercan vor und dreht schon am Radioknopf. Mehmet, der sich auf den Verkehr konzentriert, murmelt kurz sein Einverständnis und schon befinden sie sich auf der Schnellstraße.

"Ziemlich viel Verkehr heute morgen," brummt Mehmet. Die anderen nicken und sind mit ihren Gedanken woanders.

"Komm, wir suchen die besten Nummernschilder heraus," schlägt Emine ihrer Schwester vor. Diese nickt und beide schauen nun gebannt nach hinten aus dem Fenster, um so schnell wie möglich die Autokennzeichen zu lesen. Mama hat ein wenig die Augen geschlossen und döst vor sich hin. Ercan schaut auf die Straße und denkt an seinen Schulfreund Kai. Dieser fliegt mit seinen Eltern nach Mallorca. "Da möchte ich auch einmal hin, wenn ich Geld habe." Doch das wird wohl noch eine gute Zeit dauern.

Mehmet konzentriert sich auf den Verkehr, der sehr stark ist. Da schon einige Bundesländer Ferien haben, auch das Land Brandenburg, wo sie hin möchten, ist für ihn ziemlich sicher, dass sie wohl einige Stunden im Stau stehen könnten.

Vor ihnen schiebt sich eine Kolonne von sieben "Elefanten" auf der rechten Seite dröhnend über die Autobahn. Da links alle zu überholen versuchen, hat er fast kaum eine Chance sich in den Überholverkehr einzuschleusen. So tuckert er mit 85 kmh hinter den schwerbeladenen Lkws her. Nervös schaut er immer wieder in den Rückspiegel, um eine Möglichkeit zu erwischen, mit dem Bus auszuscheren. Ercan hat es bemerkt und hält nun ebenfalls Ausschau nach einer Gelegenheit.

"Da, Papa, jetzt kannst Du rüber!" ruft er seinem Vater zu, der sich auf die Lkws konzentriert, da zwei dieser Riesenbrummer sich ebenfalls nach links eingeschert haben, um die anderen zu überholen. Sofort treten die Fahrer der nachfolgenden Pkws auf die Bremsen. Die roten Lichter leuchten wie an einer Schnur aufgezogen nacheinander auf.

Mehmet läßt den Blinker nach links aufblinken und schert nach links rüber. Da saust plötzlich und unerwartet mit ohrenbetäubendem Lärm eine schwere Kavasaki links an ihm vorbei. Vor Schreck hat Mehmet das Steuerrad nach rechts gerissen, um auf die andere Spur zu kommen. Dort müssen die nachziehenden Autos auch abrupt bremsen, um ihn hineinschlüpfen zu lassen. Die Mädchen haben erschrocken aufgeschrien und Mama, die aus ihrem Gedöse geweckt wurde, ruft laut und um nichts wissend: "Paß auf, Mehmet, paß auf!"

Dem dröhnenden Motorrad waren noch drei andere Maschinen gefolgt, die einen nicht minderen Lärm verursacht haben. Mehmet, der mit der Manövrierung des Busses beschäftigt ist, hat vor Aufregung und Wut einen roten Kopf bekommen und brüllt: "Nun haltet doch mal Euren Schnabel, damit ich mich konzentrieren kann." Ruckartig wird es still und Mehmet hat wieder alles unter Kontrolle. Der letzte der Motorradfahrer hat ihm wütend den Mittelfinger entgegengereckt. Das ärgert Mehmet noch mehr. "Diese blöden Deutschen," denkt er und versucht, sich wieder in den Griff zu bekommen.

Die anderen der Familie rufen nun wild durcheinander."Die spinnen doch wohl, uns so zu erschrecken!" ruft Ercan aufgebracht und vor lauter Ärger erhält sein Gesicht rote Flecken. Die kleine Emine fängt an zu weinen und auch Ayse schluckt tapfer die Tränen herunter. Mama beruhigt die Mädchen und es kehrt wieder Ruhe ein. Bald haben sie den Vorfall wieder vergessen. Mehmet hat sich inzwischen links eingeordnet, und es geht etwas zügiger voran.

"Ich muß Pipi!" ruft Ayse nach einer Weile, und auch Emine drängt dazu, anzuhalten. "Na, dann werde ich gleich tanken und wir machen eine kleine Rast," schlägt Mehmet vor. Die anderen nicken zur Bestätigung. Nach ungefähr 15 Minuten kommt ein Hinweisschild zur nächsten Raststätte Walsleben. "Wir sind schon in Brandenburg!" ruft Ercan und Mehmet klickt den Blinker nach rechts ein.

Hinter einem Datsun kommt der Bus zum Stehen. Mehmet steigt aus und greift sich einen der Schläuche mit dem Einfüllstutzen, die an der Zapfsäule hängen. "Ich glaube, mein Schwager hat immer normal getankt,"denkt er dabei und schon läuft das Benzin plätschernd in den Tank, der sich begierig füllt.

Nachdem Mehmet gezahlt hat und wieder eingestiegen ist, will er zu den Parkstreifen fahren, auf denen einige Wagen stehen, deren Insassen bereits Pause machen und es sich gut sein lassen.

"Emine und Ercan fehlen noch!" ruft Ayse und Saliha kramt schon ein Brot und ein Ei heraus. "Gib mir auch mal eins,"deutet Mehmet auf das Ei. "Ich hab schon wieder Hunger!" Saliha gibt ihm das abgepellte und schlägt ein anderes auf.

Kurz darauf steigen die anderen beiden wieder in den Bus. "O, Anne, gib mir auch ein Brot," bettelt Ayse. Nur Ercan ist still und etwas blass im Gesicht.

Mehmet schaut ihn an. "Was hast Du? Stimmt was nicht?"

Ercan schaut aus dem Busfenster in Richtung Toiletten und deutet plötzlich mit dem Finger in die Richtung. "Sieh, Babba, da sind diese Motorradfahrer von vorhin. Die waren noch ziemlich wütend drinnen und haben von dem Vorfall gesprochen."

Mehmet sieht, wie zwei dieser Typen an ihnen vorbeigehen. Zum Glück schauen sie nicht rüber. Es sind typische Skinheads mit glatt rasiertem Schädel. Der eine ist auf dem Oberarm tätowiert. Sie tragen Ohrringe auf der linken Seite und ihre Gesichter haben einen brutalen Ausdruck.

"Mit denen kann es wohl zu Problemen kommen, Ercan," flüstert Mehmet. "Wir sollten besser weiter fahren."

Saliha, die das letzte mitbekommen hat, hat Einwände. "Aber wir wollten doch Pause machen und essen."

"Aber Du siehst doch, was das für Typen sind," antwortet Mehmet ein wenig verärgert. "Willst Du Dich mit denen anlegen?"

Saliha schüttelt den Kopf.

Mehmet läßt den Motor an und fährt langsam in Richtung Ausfahrt. Da sieht er plötzlich auf der rechten Seite die Motorräder stehen. Die Skinheads sitzen zum Teil auf der Erde oder stehen herum. Auch sie machen gerade Pause. Da entdeckt einer von ihnen den Bus. Er brüllt auf und macht seine Kumpel darauf aufmerksam. Einige springen auf, laufen zu dem Bus und versuchen, ihn anzuhalten. Mehmet gibt Gas, aber er muß plötzlich bremsen,weil drei der Typen vor seinen Bus gesprungen sind. Und er könnte nicht weiterfahren, ohne sie zu verletzen. Bevor er den Bus jedoch stoppt, gelingt es ihm und Ercan, die Türen zu verriegeln.

Draußen stehen die Skinheads und brüllen los. Ihr Anführer, den Mehmet fast angefahren hätte, kommt an die Seitenscheibe. Sein ohnehin hässliches Gesicht hat sich vor Wut zu einer diabolischen Fratze verzerrt " Eh, du türkisches Schwein, komm raus, damit ich dir die Fresse poliere." Dabei fuchtelt er mit seinen Armen vor der Scheibe herum. Einige beginnen, den Bus hin und her zu schaukeln. Mehmet ist in seinem Gesicht weiß vor Zorn. Aber er kann nichts machen. Ercan kriecht die Angst ins Gesicht. Auch er wird kreidebleich. Die Mädchen schreien vor Angst und klammern sich um ihre Mutter, die instinktiv schützend ihre Arme um sie legt. Auch sie ist voller Furcht und schreit immer: "Mehmet, tu etwas! Los, mach etwas!" Da sie es in türkisch ruft, verstehen die dort draußen nicht, was sie brüllt. Doch das stachelt die Skinheads noch mehr an. Die beiden Mädchen, die zu den Skins gehören, feuern die Männer mit deftigen Sprüchen an. Zwei von der Gruppe beginnen, mit ihren Stiefeln auf die Scheinwerfer und gegen die Türen zu treten, die nach kurzer Zeit einige Beulen aufweisen.

"Wenn ich da rausgehe, dann machen die mich kalt!" ruft Mehmet seiner Frau zu. "Wir können nur abwarten und ruhig sein!"

Der tosende Lärm, den die Skinheads machen, schallt weithin. Er macht einige Lkw-Fahrer aufmerksam, die ganz in der Nähe stehen. Sie schauen zunächst neugierig zu dem Bus und den brüllenden Skinheads herüber. Nachdem sie die Situation erkannt haben, machen sie sich auf den Weg zum Bus. Es sind hünenhafte Kerle. Der eine von ihnen hat sich noch einen schweren Schraubenschlüssel geschnappt, bevor sie auf die Gruppe zugehen. Zwei Fahrer kommen aus Dresden. Die anderen aus Magdeburg und Chemnitz. Zu ihnen gesellen sich plötzlich noch zwei Fahrer aus Köln, die mit ihrem Wagen gerade angehalten haben und die Situation ebenfalls mitbekommen haben.

"Was machen die Scheisskerle da drüben?" rufen sie den anderen zu. "Die wollen dem Türken an die Wäsche."

Als die Skinheads die Männer ankommen sehen, werden sie ein wenig ruhiger und stellen sich nun gegen sie.

"Was wollt ihr von den Türken?," fragt Herbert, der bullige Kerl von Einmeterachtundneunzig die Skins. "Was geht euch das an? Wir haben mit denen eine Rechnung zu begleichen," ist die kurze und patzige Antwort des Führers.

Mehmet und Ercan, die die Lkw-Fahrer haben kommen sehen, atmen ein wenig auf. Ercan dreht die Scheibe herunter und ruft den einen Kölner heran. "Vorhin hat mein Vater nicht gesehen,dass der Anführer mit dem Motorrad überholte. Aber es war keine Absicht von ihm," informiert er diesen. "Nun wollen sie uns verprügeln."

Die anderen haben die Worte zum Teil mitbekommen. Drei der Fahrer gehen nun auf den Anführer zu. "Paß auf, du Witzfigur. Du lässt jetzt den Bus fahren, klar? Sonst könnt ihr von uns was erleben."

Der Anführer wird rot vor Wut. "Was geht euch das an? Verschwindet, bevor wir euch verspeisen!" ruft er protzig, um vor seinen Leuten nicht das Gesicht zu verlieren. Aber in Wirklichkeit kriecht ihm nun auch die Angst in die Hose. Denn die Fahrer sind ihnen an Masse und Größe haushoch überlegen.

Da er jedoch keine Anstalten macht, seine Leute zurück zu pfeifen, um den Bus fahren zu lassen, gehen die riesigen Kerle nun geschlossen auf die Skinheads zu. Diese haben ihr Gegröle nun ganz eingestellt und weichen langsam, Schritt für Schritt zurück.

Der Kölner gibt Mehmet einen Wink. "Nun fahr schon los, wir machen das hier schon." Mehmet bedankt sich und schaltet schnell den Motor an. Der Bus heult auf, und schon rasen sie davon in Richtung Autobahn.

Mehmet gibt erst einmal Gas. Die beiden Mädchen weinen immer noch still vor sich hin. Die Angst steht ihnen allen noch immer im Gesicht geschrieben. Doch langsam beruhigen sie sich wieder. "Siehst du, Papa. Es gibt doch noch Deutsche, die auch uns Türken helfen," sagt Ercan nach einer Weile. Er lächelt dabei seinen Vater an. Dieser lächelt zurück. "Du hast recht, Sohn," sagt er und nickt mit dem Kopf. Man darf nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt gute Deutsche und gute Türken und es gibt böse Deutsche und böse Türken.

Wie überall in der Welt. Wichtig ist nur, daß wir alle aufeinander zugehen und bereit sind uns gegenseitig zu verstehen und als Menschen anzuerkennen."

Saliha hat inzwischen die Mädchen beruhigt, die vor Erschöpfung einschlafen. Nach einer halben Stunde verlassen sie die Autobahn und befinden sich auf der Bundesstraße in Richtung Perleberg. Ohne weitere Störungen finden sie den Weg zur Stadt.

Die Sonne begrüßt sie lachend durch die Wolken, als sie in die Hühnergasse einbiegen. Dort wohnt sein Bruder Ali. Mehmet hält den Bus vor dem Haus an. Als sie aussteigen, kommen ihnen winkend und lachend Ali und seine Frau Hülya entgegen.

"Hattet ihr eine gute Fahrt?" fragt der Bruder, als er Mehmet zur Begrüßung küsst.

"Ach ja," antwortet Mehmet und freut sich von ganzem Herzen, seinen Bruder Ali wieder einmal zu sehen. "Wenn einer ein Reise macht, dann kann er was erzählen. So heißt wohl ein deutsches Sprichwort," sagt er seinem Bruder. "Und wir haben einiges zu erzählen...."


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