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Türken in Deutschland, Maghrebiner in Frankreich
Prof. Dr. Arnold Rothe

Zwischen Saarbrücken und Metz verläuft eine Sprachgrenze, diesseits wird Türkisch, jenseits Arabisch gesprochen. Dieses Bonmot suggeriert eine Symmetrie und in der Tat: Mitte der achtziger Jahre lebten etwa ebensoviele Türken in der alten Bundesrepublik wie Nordafrikaner in Frankreich, nämlich jeweils um die 1,4 Millionen. In unserer Epoche der zweiten Völkerwanderung ist das hüben und drüben etwa ein Drittel aller Ausländer und deren stärkste Gruppe. Türken wie Maghrebiner kommen überwiegend aus armen ländlichen Gebieten, beispielsweise aus Anatolien und der algerischen Kabylei. Gibt es Parallelen auch in der Migrantenliteratur? Oder überwiegen hier die Unterschiede? Arnold Rothe am Romanischen Seminar ging der Frage nach.


In Europa konzentrieren sich Türken und Maghrebiner auf Ballungszentren, in denen die Ausländer einen Bevölkerungsanteil von 15 Prozent und mehr erreichen können, gehen meist einer minderqualifizierten manuellen Tätigkeit nach und sind von der Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich betroffen. Sie sind infolgedessen auch eher eine Herausforderung für die Unter-, als für Mittel- und Oberschicht. Als Moslems stehen sie neuerdings freilich für eine Religion, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus von vielen als neue Gefahr Nummer eins für den Westen gefürchtet wird. Sofern bereits verheiratet, pflegen die Gastarbeiter ihre Angehörigen nachzuholen, die Familien dadurch aber einer erheblichen Belastung auszusetzen. Die angestammte Autorität des Vaters leidet beispielsweise darunter, daß die Kinder die Sprache des Gastlandes besser beherrschen und sich leichter zurechtfinden. Die Kinder ihrerseits geraten in das Spannungsfeld zwischen zwei Normensystemen. Die Familienehre steht auf dem Spiel, wenn Töchter die emanzipierte Haltung ihrer einheimischen Altersgenossinnen übernehmen. Umfragen zufolge haben 66 Prozent der türkischen Jugendlichen von Erziehung eine andere Vorstellung als ihre Eltern, und 71 Prozent der maghrebinischen fühlen sich kulturell den Franzosen näher. Tiefere Einblicke in Milieu und Befindlichkeit dürften unter anderem die Texte gewähren, in denen man sich hier wie dort zu artikulieren versucht. Die Vermutung liegt nahe, daß auch sie sich ähnlich sind. Das ist jedoch, wie noch zu zeigen, nicht ohne weiteres so. Zu groß sind schon die außerliterarischen Unterschiede, die es jetzt nachzutragen gilt und die uns zunächst einmal in die Vergangenheit führen. Die Türkei, von Anbeginn an souverän, war bekanntlich das Zentrum eines Großreichs und wurde 1923 ein Nationalstaat. Seit gut hundert Jahren unterhält sie priviligierte und einigermaßen partnerschaftliche Beziehungen zu Deutschland und gehört seit 1952 zum westlichen Verteidigungsbündnis, der NATO. Der Maghreb hingegen zerfällt einerseits in Marokko, Algerien und Tunesien, gehört andererseits zu dem um vieles größeren arabophonen Gebiet, geriet im vorigen Jahrhundert unter die Hegemonie Frankreichs und konnte sich erst nach 1950 von seinem Kolonialstatus befreien. Allen Blutopfern zum Trotz wirken die Bindungen zum ehemaligen Mutterland fort, nicht zuletzt durch das Französische, die Zweitsprache. Eine Trennung von Staat und Religion gibt es nur in der Türkei, und zwar schon seit der Europäisierung und Demokratisierung durch Kemal Atatürk in den zwanziger Jahren, nicht hingegen in den Ländern des Maghreb.

Der massive Zuzug aus Nordafrika setzte bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein und schwoll, vom Algerienkrieg kaum unterbrochen, bis zum sogenannten Ölschock, 1973, stetig an. Seither um Kanalisierung bemüht, nahm Frankreich im letzten Dezennium jährlich nur noch etwa 100 000 Ausländer insgesamt auf. Erst 15 Jahre später, 1961, begann der Zuzug von Türken in die Bundesrepublik, Ergebnis einer regelrechten Anwerbungskampagne, durch Visumszwang und Bindung an einen Arbeitsvertrag aber von vornherein stärker kontrolliert. (Unter „Türken“ werden hier und im folgenden Personen verstanden, die die türkische Staatsbürgerschaft besitzen oder besaßen.) Die ursprünglich vorgesehene Auswechselung im Zweijahrestakt wich der längerfristigen Niederlassung, als nach dem Anwerbestopp von 1973 erst richtig von der Möglichkeit Gebrauch gemacht wurde, die Familien nachzuholen. Vorwiegend Intellektuelle waren es, die, bereits fortgeschrittenen Alters, Anfang der achtziger Jahre vor den Militärregimen Zuflucht suchten. Im letzten Jahrzehnt wuchs die türkische Wohnbevölkerung im Durchschnitt nur noch um jährlich 50000. Vorübergehende finanzielle Anreize sorgten dafür, daß in den achtziger Jahren im Jahresdurchschnitt bis zu 8000 Maghrebiner und zehnmal soviel Türken in ihre Heimat zurückgekehrt sein sollen. Insgesamt nimmt diesseits und jenseits des Rheins die Rückkehrwilligkeit indessen ständig ab, die Zahl der Existenzgründungen hingegen zu. Aus Migration ist Immigration geworden. Längst gibt es eine zweite Generation türkischer und eine dritte Generation maghrebinischer Herkunft. Anders als in Deutschland erlangten zwischen 1962 und 1993 in Frankreich die dort geborenen Ausländerkinder automatisch die Staatsbürgerschaft des Gastlandes. Den eingangs genannten 1,4 Millionen Einwohnern nordafrikanischen Ursprungs dürfte also noch eine weitere Million hinzuzurechnen sein, diejenige der Beurs, wie sie sich selber nennen. Das beeinträchtigt einen Vergleich mit den deutschen Statistiken. Zunächst zum Teil in Slums, den sogenannten Bidonvilles lebend, wurden die Gastarbeiter von den französischen Behörden ab Mitte der fünfziger Jahre in Notunterkünften oder gleich, wie andere einkommensschwache Gruppen auch, in den Satellitenstädten untergebracht, die zwischen 1953 und 1973 aus dem Boden schossen. Neun von zehn Beurs leben heute hier. Marginalität, Unwirtlichkeit und Beengtheit dieser Ausgeburt einer gewiß wohlmeinenden zentralistischen Technokratie, desgleichen mangelnde Betreuung, Schulversagen, Diskriminierung, Arbeits- und Perspektivlosigkeit führten bei den Jugendlichen, die bis zu 40 Prozent der dortigen Einwohnerschaft stellen, vielfach zu Frustration, Delinquenz, Drogenmißbrauch und Bandenbildung. Ein 1981 aufgestellter Sozialplan für die Quartiers sensibles konnte hiergegen nur wenig ausrichten. Etwa gleichzeitig traten, im Klima von Wirtschaftskrise und noch immer nicht verarbeiteter Kolonialgesinnung, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit auf den Plan. Le Pens Front National hatte ihre ersten großen Erfolge, nicht zuletzt bei den repatriierten Algerienfranzosen. Besonders irritiert wurden hiervon die Beurs, hatten sie doch einen französischen Paß, wurden aber wie Ausländer beargwöhnt. 150 Morde an Jugendlichen maghrebinischer Herkunft gingen zwischen 1980 und 1985 auf das Konto des Rassismus. Als Antwort Plünderungen und Brandstiftungen. Den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt durchbrach 1983 der disziplinierte „Marsch für die Gleichheit“, der in fast zwei Monaten von Marseille nach Paris führte, auf Kundgebungen das „Recht auf Unterschiedlichkeit“ einforderte und wachsendes Verständnis bei den Medien und schließlich auch bei Staatspräsident Mitterrand errang. Französische Intellektuelle und Künstler sekundierten ab 1984 mit der Aktionsgemeinschaft SOS-Racisme. Inzwischen ist die Beur-Bewegung abgeebbt: Integration der Mehrheit, Ghettoisierung einer Minderheit. Eine Integration, die auf der Respektierung kultureller Besonderheiten beharrt, eine Ghettoisierung, die von der Segregation und Konfrontation der verschiedenen Minderheiten herrührt, alle paar Wochen durch erneute Ausschreitungen für Schlagzeilen sorgt und auch zur Rückbesinnung auf islamische Lebensformen führt. Daß der terroristische Fundamentalismus des algerischen FIS in Frankreich Fuß fassen könnte, ist derzeit aber unwahrscheinlich. Als Antwort auf all dies scheint die Assimilationspolitik, jahrzehntelang überaus erfolgreich, nicht mehr zu genügen. Sie stand im Zeichen von republikanischer Einheit und Gleichheit und bediente sich der laizistischen Schule als Schmiede des Staatsbürgers. In der Bundesrepublik verlief die Entwicklung wesentlich unspektakulärer, gedämpft nicht zuletzt durch das politische Wohlverhalten, zu dem sich die Türken als Ausländer veranlaßt sahen. Gewiß traf der Familienzuzug nach 1973 Behörden, Sozial- und Bildungseinrichtungen, ja auch die deutsche Bevölkerung unvorbereitet. Föderalismus, Pluralismus sowie hohe Entscheidungsbefugnis auf unterer Ebene scheinen jedoch pragmatische Lösungen vor Ort erleichtert zu haben. Eine Marginalisierung wurde insofern vermieden, als die Familien sich in den Innen- und Altstädten anzusiedeln pflegten, die den gestiegenen Ansprüchen der Einheimischen nicht mehr genügten, aber eine kommunikationsfreundliche Struktur bewahrt hatten. Insgesamt jedoch herrscht mehr Neben- als Miteinander. Gewiß kam es in einzelnen Großstädten zur Bandenbildung und zu Tätlichkeiten zwischen türkischen und nicht-türkischen Jugendlichen. Alarmierende Anschläge auf das Leben von Türken – Solingen, Mölln – gab es aber erst ab 1992, als mit Wende, Asylantenstrom und Beschäftigungskrise die latente Fremdenfeindlichkeit auch sonst in eine offene umschlug. Die Rechtsparteien konnten hiervon allerdings höchstens auf kommunaler und regionaler Ebene profitieren. Was Militanz und Terrorismus kurdischer Gruppierungen angeht, so scheinen sie neuerdings einer Trennung in „schlechte“ und „gute“ Türken Vorschub zu leisten. In französischen Schulen dürfen Musliminnen keine Kopftücher tragen, an bayerischen wird sogar der Koran unterrichtet, und zwar durch vom Freistaat bezahlte Lehrer aus der Türkei. In Deutschland gibt es etwas weniger Gebetssäle als in Frankreich, aber mehr als doppelt so viele regelrechte Moscheen, nämlich zwanzig. Jenseits des Rheins verfügt die muslimische Bevölkerung außerdem über eine Fülle eigener, teils arabophoner Rundfunkstationen, allen voran Radio Orient mit Sitz bei Paris. Mit der Protestbewegung kamen Radio Beur und ähnliche Sender hinzu. Seit 1990 erscheint B... comme Beur, ein Monatsheft. In der Bundesrepublik gibt es mehr Präsenz des Herkunftslandes: vier lokale Sender aus Berlin gegenüber acht Fernsehsendern aus der Türkei, darunter der öffentlich-rechtliche, und nicht zu vergessen die Deutschlandausgaben von acht türkischen Tageszeitungen.

Hier wie dort versucht man sich auch in der Belletristik, einer Ausprägung der weltweiten, den Begriff der Nationalliteratur unterminierenden Migrantenliteratur. Dieser Terminus, einer von vielen unbefriedigenden, meint die Literatur von Autoren aus einem Personenkreis, der, primär aus wirtschaftlicher Not, längerfristig oder endgültig in ein fremdes Land übergesiedelt ist. Es geht hingegen nicht um ein Schrifttum, das nur die Migration zum Gegenstand hat. Eine solche Einschränkung würde Literatur auf den belanglosesten ihrer Aspekte reduzieren, den stofflichen, und die Autoren zu Exoten degradieren, die nur Neugier beanspruchen können, solange sie in ihrem Reservat verbleiben. Migrantenliteratur ist also rein biographisch definiert. Auszugehen haben wir von der maghrebinischen Literatur. Eine frankophone gibt es schon seit etwa 1950, weit lebendiger, so heißt es, als die parallele arabophone. Eine Literatur von Pendlern, bald diesseits, bald jenseits des Mittelmeeres geschrieben und fast immer von vorneherein in Paris publiziert. Etliche blieben schließlich ganz in Frankreich, in einem mehr oder minder freiwilligen Exil, zuletzt unter dem Eindruck tödlicher Bedrohung in Algerien. Ganz überwiegend männlichen Geschlechts, hatten sie in ihrer Heimat noch das französische Schulsystem durchlaufen, vielfach auch studiert und zählten bereits zur intellektuellen Elite. Inzwischen längst kanonisiert und in den französischen Kulturbetrieb integriert, ist manch einer professioneller Schriftsteller geworden, Memmi, Dib, Chraïbi, Assia Djebar und Ben Jelloun, der bekannteste auch hierzulande. Der Einfachheit halber will ich sie hier weiterhin als Maghrebiner bezeichnen. Die Literatur derjenigen, die bereits in zweiter Generation in Frankreich leben, machte sich erst um 1984 bemerkbar, also mit der Beur-Bewegung, von mir daher, wiederum vereinfacht, Beur-Literatur genannt. Seither erscheinen fünf bis sechs Titel pro Jahr. Die damals Zwanzig- bis Dreißigjährigen, fast ausschließlich algerischer Abkunft, waren, wie Kettane, als Kinder nach Frankreich gekommen oder, wie Begag, bereits dort geboren, jedenfalls zumeist im Gastarbeitermilieu aufgewachsen. Kaum einer aber war, wie Charef, selbst Fabrikarbeiter gewesen, ja straffällig geworden. Die meisten haben eine höhere Schulbildung und sind inzwischen hauptberuflich als Juristen, Mediziner, Pädagogen, Journalisten oder Politiker tätig, gehen also einem bürgerlichen und oft sogar gehobenen Beruf nach. Azouz Begag befaßt sich auch als promovierter Soziologe mit dem Konfliktpotential der Vorstädte. Von den rund 25 Autoren sind fast die Hälfte Frauen. Jeder zweite hat nur ein einziges Buch veröffentlicht – im Elan der Beur-Bewegung ein einmaliger Akt gelungener Selbsttherapie. Auf Tadjer und Farida Belghoul, die Verfasser von Les A.N.I. du „Tassili“ und Georgette!, trifft diese Deutung allerdings nicht zu, gehören sie doch zu jenen, die zwischen den verschiedenen Künsten wechseln und sich auch als Drehbuchautoren oder Regisseure in den audiovisuellen Medien betätigen. Andere haben sich von vornherein für den Film entschieden, so Baloul, dessen Pfefferminztee auch bei uns zu sehen war. Die Türken begannen so recht erst um das Jahr 1983 zu publizieren, also etwa zur selben Zeit wie die Beurs. Nicht unbeteiligt war dabei das Münchner Institut für Deutsch als Fremdsprache, das seit 1979 literarische Preisausschreiben veranstaltet und eine Auswahl der Einsendungen durch Anthologien zugänglich macht, beispielsweise 1984 durch Türken deutscher Sprache. Seither erscheinen durchschnittlich drei Buchtitel im Jahr. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Manch Älterer bedient sich nämlich nach wie vor der Muttersprache, allen voran der produktivste und schon seit 1970 erfolgreiche, Aras Ören. Der Zusammenhang mit der traditionsreicheren Literatur der alten Heimat wird auf diese Weise erleichtert. Von denen, die regelmäßig zur Feder greifen, ist meines Wissens niemand in der Bundesrepublik geboren. Zehra Çirak etwa und Renan Demirkan waren aber noch nicht zehn Jahre, als sie kamen, und sind daher durchaus der zweiten Generation zuzurechnen. Viele ließen sich schon vor dem Anwerbestopp 1973 nieder, hatten bereits zu Haus die höhere Schule durchlaufen, oft eine qualifizierte Beschäftigung ausgeübt und bisweilen auch veröffentlicht. Nach Ankunft und anfänglichen Gelegenheitsarbeiten studiert man, geht einem sozialen oder pädagogischen Beruf nach, nicht selten im Ausländermilieu, übersetzt aus der oder in die Muttersprache, schreibt für Presse oder Funk. Nur Ören, Pirinçci und Aysel Özakin dürften mehr oder minder als freie Schriftsteller leben können. Insgesamt bescheidenere Berufe als in Frankreich. Aber auch bei uns ist – etwa mit Savasçi und Bektas – der Typ des schreibenden Gastarbeiters die Ausnahme. Von den zwanzig Autoren, die sich wiederholt zu Wort gemeldet haben, sind rund ein Drittel Frauen. Emine Sevgi Özdamar und Renan Demirkan sind Schauspielerinnen, letztere vor allem aus TV-Serien bekannt. Eine Personalunion von Autor, Drehbuchschreiber und/oder Regisseur ist jedoch seltener als in Frankreich. Es sind andere, die die Verfilmungen besorgen, unter ihnen auch dieser oder jener Türke, Tevfik Baçer beispielsweise. Abschied vom falschen Paradies, als „besonders wertvoll“ eingestuft, drehte er nach einer Erzählung von Saliha Scheinhardt.

Auch die türkischen Originale werden bisweilen hierzulande gedruckt, und dann etwa zeitgleich mit ihren deutschen Übersetzungen. Anlaufstelle für Poesie und Kurzprosa sind oft Periodika, für Bücher meist linke oder spezialisierte Kleinverlage, Rotbuch beispielsweise oder Daùgyeli. Nur wenigen Texten gelingt dann auch der Durchbruch, nämlich die Übernahme in eine der gängigen Taschenbuchreihen. Von den Großverlagen hat jüngst vor allem Kiepenheuer & Witsch den Mut zu Erstveröffentlichungen bewiesen. Überörtliche Ehrungen gingen an E.S. Özdamar und Ören, der Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis und der Münchner Adelbert-von-Chamisso-Preis, auf Initiative von Harald Weinrich speziell Autoren zugedacht, für die Deutsch eine Fremdsprache ist. In Paris wurden die Immigranten der ersten Generation, wie die Maghrebiner schlechthin, von französischen Linksintellektuellen protegiert und zunächst auch von renommierten Häusern ediert, besonders von Seuil und Denoël. Diejenigen, die schon in zweiter Generation in Frankreich leben, sind hingegen meist auf Klein- und Fachverlage angewiesen, vor allem L’Harmattan, den Promotor alles Afrikanischen nördlich und südlich der Sahara. Es gibt kaum Bestseller. Auch namhafte Preise wurden bisher nur an Maghrebiner vergeben, der Goncourt an Ben Jelloun, der Grand Prix biennal des littératures d’expression française der Académie Française an Dib und jüngst der internationale Neustadt-Literaturpreis an Assia Djebar.

Grob bleibt festzuhalten: Gastarbeiterliteratur im wahrsten Sinn des Wortes gibt es so gut wie nicht. Es schriftstellern Einwanderer der ersten und der zweiten Generation. In Frankreich begann die zweite einiges nach, in Deutschland etwa gleichzeitig mit der ersten. Dort mehr politisch motivierte Immigration von Intellektuellen als hier. Dort Einsprachigkeit, hier Zweisprachigkeit. Man macht sich also hier auch den Landsleuten verständlich, die der Sprache des Gastlandes nicht mächtig sind. Insgesamt scheint der Zusammenhalt hier stärker, desgleichen der Einfluß des Herkunftslandes.

Türken und Beurs können gleich viel Veröffentlichungen aufweisen, nämlich etwa achtzig, die Verteilung über die Gattungen hingegen ist höchst verschieden. In Frankreich hat mit drei Vierteln der Roman den absoluten Vorrang, gefolgt mit einem Zehntel, also in großem Abstand, vom Theater. In Deutschland eine stärkere Auffächerung. Es führen, allerdings mit nur relativer Mehrheit von 30 Titeln, Gedichtbände und sogenannte Poeme. An zweiter Stelle dann, mit je 16, Sammlungen von Erzählungen und die erst in letzter Zeit sich häufenden Romane. Mehr Kurzformen und, so könnte es scheinen, mehr Innerlichkeit, wären da nicht auch wenigstens vier Bände mit Satiren, in denen sich Kritik und Selbstkritik die Waage halten, Wir werden das Knoblauchkind schon schaukeln. Auffällig hüben wie drüben: je ein halbes Dutzend illustrierter Kinderbücher, für interkulturelle Verständigung schon in jungen Jahren werbend.

Maghrebinische Diaspora, Tristesse der Wohnverhältnisse, Entfremdung der Kinder von den Eltern, Ausbruch der Töchter, Diskriminierung und Solidarisierung, Gewalt und Gegengewalt, aber auch Hilfsbereitschaft französischer Nachbarn und Lehrer, das sind typische Themen der Beur-Literatur in ihren Anfängen. Erst wenn Anpassungsfähigkeit nicht honoriert wird, fragen sich die Protagonisten, wohin sie eigentlich gehören. Die Suche nach der Identität führt sie in die Vergangenheit, ja in das Dorf ihrer Väter zurück. Aber in den archaischen und dürftigen Verhältnissen fühlen nicht nur sie selbst sich als Fremde, sie werden – bei aller Herzlichkeit – auch von den anderen als Fremde behandelt. Eine Lösung des Konflikts pflegt auszubleiben.

Mit dem Alter wächst auch das Verständnis für die verschlissenen und verschlossenen Väter, und man versetzt sich, wie Leïla Sebbar in Le Silence des rives (1993), in deren Erinnerungen und verlorene Illusionen. Das Spektrum erweitert sich. Oft scheint die Situation der Beurs aber nur verallgemeinert zu werden: Auch der jüdische Armenarzt aus Le Vertige des Abbesses (1990) von Issaad ist ein Entwurzelter, auch die lebensfeindliche Friedhofswärterin aus Le Poing mort (1992) von Nina Bouraoui eine Außenseiterin. Und wenn dieselbe Nachwuchsautorin in Le Bal des murènes (1996) zeigt, wie Kind und Kindeskinder psychosomatisch an den Folgen eines Gewaltakts zu tragen haben, so könnte der Krieg, auf den alles zurückgeht, durchaus der Algerienkrieg gewesen sein. Am Anfang stehen die Lebenswege junger Leute, nur spärlich verhüllte Autobiographien, leicht typisiert, aber realitätsnah, einsträngig und chronologisch erzählt, hin und wieder von Rückblenden und Reflexionen unterbrochen. Blasser Prototyp Le Sourire de Brahim (1995) von Kettane. Betroffenheitsliteratur, sofern nicht durch Ironie Distanz geschaffen wird. Professionalität ist keine Frage der Reife. Schon Charefs Erstling, Le Thé au harem d’Archi Ahmed (1983), besticht durch den Slang, mit dem der Erzähler das erzählte Milieu auch stilistisch vergegenwärtigt, schon Fahrida Belghouls Einzelkind, Georgette! (1986), durch die Konsequenz, mit der die tagträumerische Perspektive einer desorientierten Schulanfängerin durchgehalten wird. Wenn Begag die Beurs später noch einmal auftreten läßt, dann verfremdet als Hunde, Les Chiens aussi (1995), die bei den französischen Herrchen Wach- und bei den Frauchen Liebesdienste zu verrichten haben. Wie schon die Allgegenwart des Kinos in den Texten zeigt, sind die Autoren mehr durch Film und Fernsehen als durch Literatur geprägt. Eine Ausnahme ist Kalouaz: In Point kilométrique 190 (1986) fährt eine französische Journalistin die Bahnstrecke ab, auf der ein Maghrebiner von Legionären ermordet worden war. Anhand von authentischen Geständnissen, Zeugenaussagen und Presseberichten wird der Tathergang kriminalistisch rekonstruiert, und in den Intervallen entspinnt sich ein Dialog mit dem Toten.

Die älteren Maghrebiner fragten sich nach ihrer Zugehörigkeit schon in der Heimat, und zwar, da dort die französische Schule auf ein noch relativ intaktes Erbe stieß, sehr viel stärker nach ihrer kulturellen und sprachlichen Zugehörigkeit. Auch der Terror des vielfach beschworenen Algerienkriegs änderte daran nichts. Später wich das Problem der eigenen Identität dem Problem der Identität des ganzen Landes und ganz Nordafrikas. Hochgebildet, wie sie allesamt sind, spüren sie den mannigfaltigen Traditionen dieses mediterranen Schmelztiegels nach, nicht nur der arabischen und französischen, sondern auch der vorislamischen, berberischen, jüdischen, ja auch der römischen, türkischen, italienischen und iberischen. Mit ihrem Plädoyer für Synkretismus und Einheit in der Vielheit stehen sie quer zum Zentralismus der jungen Regimes. Überhaupt wird manches Tabu durchbrochen, nicht zuletzt das sexuelle, und mit Kritik nicht gespart, an Korruption, staatlichen Übergriffen und kopfloser Modernisierung, aber auch an gesellschaftlicher Verkrustung und neuerdings am Fundamentalismus. Und wenn Ben Jelloun in Sohn ihres Vaters von einem Mädchen schreibt, das um der Ehre ihres Erzeugers willen als Mann erzogen wird, dann ist er nur einer von vielen, die gegen die Diskriminierung der Frau zu Felde ziehen. Das Los von Gastarbeitern und Beurs findet hingegen nur selten Beachtung, am schonungslosesten schon früh, in den Sündenböcken (1955) von Chraïbi. Die Vergangenheit ist so bunt, die Gegenwart so bedrängend, daß die Maghrebiner nur selten und meist erst spät die heimatliche Materie verlassen, am entschiedensten noch Dib, dessen Terrassen von Orsol (1985) beispielsweise irgendwo im Norden stehen, in der Fremde, in der die Grenze zwischen Realität und Irrealität, Normalität und Anormalität verschoben zu sein scheint. Ein jüngerer Kollege, Tengour, hält bereits in seinem Erstling, Sultan Galiev (1985), Zwiesprache mit der Ferne, mit muslimischen Separatisten im revolutionären Rußland.

Den Anfang machte auch hier die Autobiographie. Man war jedoch ambitionierter. In einer Art Haßliebe zu Frankreich stellte man sich der literarischen Moderne und besann sich zugleich auf die lokalen und meist oralen Genres, obwohl es sie großen Teils erst noch zu entdecken galt. Das Ergebnis: Offenheit, Fragmentierung, Collage disparatester Textsorten, schon in Memmis Scorpion (1969), Sprengung der Gattungsgrenzen, bei Ben Jelloun zur Poesie, bei Meddeb zum philosophischen Essay, bei Assia Djebar zur historischen Dokumentation. Kein unverbindliches Experimentieren jedoch, es geht immer ums Ganze. Befreiendes Lachen nur bei einem herkömmlichen Erzähler, Driss Chraïbi. Formal wie inhaltlich also kaum Berührungspunkte mit den Beurs. Die türkische Literatur in Deutschland läßt sich hingegen so nicht nach erster und zweiter Generation auseinanderdividieren. Sie bleibt insgesamt stark den aktuellen und sozusagen internen Problemen verhaftet: Rückständigkeit und Landflucht in Anatolien, Slumbildung und Arbeitslosigkeit in den Städten, Bildungsnotstand und Repression, die türkische Linke und der Feminismus, alles Voraussetzungen für die Emigration. Im ersehnten Deutschland dann die Ernüchterung: Lichtlosigkeit, Unwirtlichkeit, Verständigungsschwierigkeit, Desorientierung, Deklassierung, die Mauer der Vorurteile, Härte und Eintönigkeit der Arbeit, Müll, Nachtschicht, Beiß die Zähne aufeinander. Die Frauen als Märtyrerinnen, zwangsverheiratet, ums tägliche Überleben kämpfend, zurückgelassen, nach Deutschland nachgeholt, der Fremde und Einsamkeit unvorbereitet ausgeliefert, dabei noch betrogen, Frauen, die sterben, ohne daß sie gelebt hätten. Angst hat man weniger vor Ausländerfeindlichkeit und Gewalt als vor dem Entzug von Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, Bitte nix Polizei.

Aras Ören ist der einzige, der, zunächst aus marxistischer Sicht, nach den Zusammenhängen fragt: Die Deutschen seien nicht weniger ausgebeutet als die Türken, und auch für den Rechtsextremismus sei das kapitalistische System der BRD verantwortlich. Die Gastarbeiter und ihre Familien bleiben unter sich. Sie träumen vom Lebensabend in der alten Heimat, wenn sie nicht sowieso, aufgebraucht und ohne Dank, der Rationalisierung zum Opfer fallen. Die Kinder hingegen – vor allem an den Mädchen wird der Generations-Konflikt gezeigt – arrangieren sich. Nur die zahlreichen Intellektuellen unter den Protagonisten, ihren Sonderstatus umkreisend, sind bisweilen skeptisch gegenüber der Möglichkeit, ja Wünschbarkeit totaler Assimilation. Was ist die Mehrzahl von Heimat? fragt Kemal Kurt, Soll ich hier alt werden? Aysel Özakin. Eine Ablösung von dieser Gruppenbezogenheit findet, anders als in Frankreich, nur ganz vereinzelt statt, etwa in der Lyrik von Senocak oder in Die Frau mit dem Bart (1994) von Renan Demirkan. Und einer steht von vorneherein abseits, Pirinçci: In seinem Erstling, Tränen sind immer das Ende (1980), verfolgt er Glück und Zerrüttung einer ersten großen Liebe, wie sie damals bald jedem Halbwüchsigen hätte widerfahren können. Indes, wenn seine späteren Romane Rassenhygiene und die Ausbeutung Behinderter betreffen, so mag er sich durchaus auf seine Herkunft besonnen haben.

Auch die türkisch-deutsche Literatur ist also maßgeblich aus persönlicher Betroffenheit erwachsen. Quelle ist das Alltägliche, aber nicht nur das Selbsterlebte, sondern mindestens ebensosehr das Miterlebte. Wenig Transposition. Anders als bei Beurs und Maghrebinern bleiben die Grenzen des Anstands stets gewahrt. Man bevorzugt Kurzprosa, erreicht aber nicht immer die Kondensation eines Habib Bektas. Die Kurzformen beeinflussen die Langformen: Wie Renan Demirkan in Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker wählt man gerne einen Rahmen – Leserreise, Gefängnis-, Klinik- oder Ferienaufenthalt – und nimmt, bisweilen etwas gewaltsam, jede Nichtigkeit zum Anlaß, Episoden der Vergangenheit zu assoziieren. Andere, eher seltene Großformate sind beispielsweise Dals Europastr. 5, eine Art Abenteuerroman, oder Örens Berlin-Trilogie, die Saga einer proletarischen Großstadtstraße. Die beliebten pseudo-autobiographischen Sozialreportagen, etwa die von Saliha Scheinhardt, riskieren, zu schieren Problemkatalogen zu verblassen, dankbare Objekte für eine interkulturelle Pädagogik. Sprachliche Kreativität hingegen, Witz und Fabulierkunst – orientalische, so will es das Klischee – in den Krimis von Pirinçci und in Das Leben ist eine Karawanserei von E. S. Özdamar, dort enthemmt, hier durch die Phantasiewelt einer Heranwachsenden kanalisiert. In Berlin Savignyplatz (1995) beginnt Ören, mit Milieu und Personal aus früheren Werken, mit Realität und Fiktion sein Spiel zu treiben. Die Lyrik ist es, die die Befindlichkeit besonders prägnant, offen, ja anklagend zum Ausdruck bringt: Minderwertigkeitskomplex, verletzter Stolz, Kulturkonflikt, das Gefühl, weder hier noch dort wirklich angenommen zu werden, Dazwischen, Doppelmann.

Alles ist noch im Fluß. Als zeitgenössischer Leser fällt man Werturteile und muß sich zu ihnen bekennen. Allenthalben engagierte Literatur, allenthalben Plädoyers für die Frau, hingegen kaum für den Islam. Jenseits des Rheins lassen sich Entwicklungen aber deutlicher erkennen als diesseits, weil das dortige Schaffen nacheinander von zwei historischen Ereignissen seinen Ausgang nahm, von der Nationenbildung im Maghreb und von der Beur-Bewegung in Frankreich. Die deutsch-türkische Literatur vereinigt Eigentümlichkeiten der beiden frankophonen Generationen, nämlich den Bezug zur alten Heimat und den zur neuen. Sie fungiert als Brücke. Ihre Autoren reden weniger in eigener Sache als die Beurs, sie verstehen sich als Sprecher der Sprachlosen. Die Arbeitswelt ist ihnen wichtiger als die hiesige Wohnsituation. Zeugnis legt man aber hier wie dort ab, Ethnographie. Der Blickwinkel ist eingeschränkter als derjenige der Maghrebiner, und anders als für diese ist für Beurs und Deutschtürken die experimentelle Literatur von Moderne und Postmoderne keine Herausforderung. Nicht nur die didaktische Absicht mag hierfür verantwortlich sein, sondern auch die Insellage der türkischsprachigen Literatur insgesamt. Die Erzählkonventionen werden nicht hinterfragt. Keine Originalität um jeden Preis. Nur vereinzelt haben Deutschtürken und Beurs Anschluß an die literarische Szene gefunden. Alles in allem vorerst noch minoritäre Literaturen. Daß Meisterwerke rar sind, erklärt sich schon aus dem vergleichsweise schmalen Reservoir.

Von der Makroskopie müßten wir nun zur Mikroskopie gelangen und Einzeltexte miteinander konfrontieren. Wie beispielsweise hüben und drüben mit der Sprache des Anderen umgegangen, warum überhaupt geschrieben wird und für wen, das ist exakt nur so zu erkennen. Wenigstens den Rahmen hierfür konnten wir abstecken.